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ZENTALASIEN: Flutwelle bedroht weite Teile der Region - Sarez-See in Tadschikistan kurz vor Dammbruch

Von Andrei Ivanov und Judith Perreira
MOSKAU, 11. November (IPS) - Weite Teile von Afghanistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan stehen vor einer Katastrophe, wenn der durchschnittlich 185 Meter tiefe Sarez-See im Pamir-Gebirge ausläuft.

Schon beim nächsten Erdbeben oder Erdrutsch könnte der 600 Meter hohe und vier Kilometer lange natürliche Damm brechen, hinter dem sich der Sarez-See aufgestaut hat. Fast 17 Milliarden Tonnen Wasser würden dann in einer Flutwelle losbrechen. Talabwärts gelegene Dörfer und Städte könnten ebensogut vor der Mündung einer Kanone liegen.

Aus 3.000 Metern Höhe würden sich die Wassermassen mit voller Wucht durch die Berge ihren Weg suchen und in den dichtbevölkerten Tälern alles Leben vernichten, warnt der tadschikische Experte Oleg Barotov. Bereits heute oder morgen könne dies geschehen, denn die Region sei seismisch ausgesprochen aktiv.

Ein Erdbeben war es auch, das den 61 Kilometer langen, im Schnitt 1,44 Kilometer breiten und an seiner tiefsten Stelle 505 Meter tiefen Sarez-See im Februar des Jahres 1911 hatte entstehen lassen. Damals wurde bei einem starken Beben der sogenannte Usoi- Damm aufgeschüttet, der den Fluß Murghob blockierte und das Dorf Sarez in dem nach ihm benannten See ertränkte.

Daß dieser See eine ungeheure Gefahr für die gesamte Region darstellt, ist seit Jahrzehnten bekannt. Bis in die 40er Jahre schien der Damm jedoch intakt. Da der Damm mittlerweile aber durch Erosion geschwächt ist ließe sich das Schlimmste heute nur noch durch eine Sekung des Wasserspiegels um zwischen 150 und 200 Meter nachhaltig verhindern. Für eine solche Aktion aber fehlt das Geld.

So sind die mit der Beobachtung betrauten Wissenschaftler seit den 50er Jahren in erster Linie damit beschäftigt, auszurechnen, was genau passiert, wenn der Damm bricht, wie schnell sich die Wassermassen bewegen, und wie lange es dauert, bis die betroffene Bevölkerung informiert und evakuiert ist.

Schon 1913 wurde die erste Beobachtungsstation am See eingerichtet, 1934 warnten Wissenschaftler erstmals vor den Gefahren eines möglichen Dammbruchs. Damals glaubte man, die Flutwelle mit einer Höhe von drei bis 25 Metern würde sogar die nordöstlichen Regionen des Iran erreichen.

In der Folgezeit faßten Moskau und Dushanbe erstmals die Senkung des Wasserspiegels ins Auge und arbeiteten selbst während des Zweiten Weltkriegs weiter an den Plänen. Zwischen 1975 und 1984 hat Moskau dann etliche Dekrete verabschiedet, die sich mit der Sicherung von Damm und See befaßten.

In einem Beschluß von 1975 hat der Ministerrat der damaligen UdSSR, die Ministerien für Wasserressourcen und Energie, das Amt für Wasserwirtschaft und Wetterkunde und die Akademie der Wissenschaften zur Zusammenarbeit aufgefordert. Man suchte nach einer Lösung, die Dammsicherung mit Kraftwerk und Bewässerungsprojekt kombiniert. Alle fünf Modelle, die daraufhin entwickelt wurden, waren allerdings zu teuer und wurden abgelehnt.

1980 ließ das tadschikische Amt für Wasserwirtschaft und Wetterkunde schließlich ein satellitengestütztes Überwachungssystem einrichten, das jede Bewegung des Damms sofort nach Dushanbe meldet.

Viel Hoffnung in dessen Sinn und Zweck haben Wissenschaftler allerdings nicht. Sie fürchten, daß der Damm, der an seiner rechten Seite mittlerweile einen Riß hat, bei einem Erdbeben in kaum einer Minute bricht. Das Überwachungssystem, das im übrigen längst außer Betrieb ist, würde so erst warnen, wenn es bereits zu spät ist.

Seit Jahren propagieren Forscher daher die Idee, am Sarez-See ein Wasserkraftwerk einzurichten, um den Wasserspiegel sukzessive zu senken. Aber der Zusammenbruch der Sowjetunion hat auch diesen Plan begraben, und das unabhängige Tadschikistan ist finanziell nicht in der Lage, ihn wieder aufleben zu lassen. Immerhin gibt es mittlerweile einen Ausschuß für den Sarez-See im tadschikischen Ausschuß für Katastrophenschutz.

Auch auf dem diesjährigen Treffen der zentralasiatischen Staats- und Regierungchefs in Tashkent war der Sarez-See eines der entscheidenden Themen. Tadschikistan machte den Vorschlag, Wasser aus dem Sarez-See in den von Austrockung bedrohten Aral-See zu leiten, ein Projekt, das ohne internationale Hilfe jedoch nicht zu finanzieren sein dürfte. Bislang hat allein Usbekistan Interesse bekundet, potentielle Geldgeber aber sind nicht in Sicht.

Der See hat nach Untersuchungen von Wissenschaftlern aufgrund seiner abgeschiedenen Lage außerordentlich reines Wasser. In atemberaubend schöner Landschaft liegt er umgeben von schneebedeckten Gipfeln still wie ein Spiegel. Von der Schönheit dürfe man sich jedoch nicht täuschen lassen, warnt Abdulhakim Shukurov, der ehemalige Leiter des tadschikischen Amtes für Wasserkunde. `Diese Schönheit kann töten." (Ende/IPS/hl/ger/1997)